Hauptsache nicht gewöhnlich

MemoryXL e.V. - Gedächtnistraining, Gedächtnissport

Hauptsache nicht gewöhnlich

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Von Katrin Zöfel / SZ vom 6.11.2006

Sie müssen sich die Abfolge von Pokerkarten, hundert gesprochene Zahlen oder Gesichter plus Namen merken: Gedächtnissportler. Die besten von ihnen aus Deutschland, Österreich und England haben sich gestern in einem Hotel in Weilimdorf gemessen.

Gedächtnismeister messen sich

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 06.11.2006

Die 05 steht für TV-Richterin Barbara Salesch, wahlweise für eine Lee-Jeans. Die Zahl 24 symbolisiert einen Hofnarren oder eine Narrenkappe. Will Physikstudent Boris Konrad sich die Zahlenkombination 0524 merken, stellt er sich Barbara Salesch mit einer Narrenkappe vor. Für die 2405 erscheint vor seinem inneren Auge ein Hofnarr, der gerade dabei ist, sich in eine Lee-Jeans zu zwängen. "Jeder entwickelt sein eigenes System, um sich die Dinge zu merken", erklärt Konrad. Je ungewöhnlicher die Eselsbrücke, desto besser funktioniere sie.

Konrad ist Präsident des Vereins MemoryXL, Deutschlands größtem Verein für Gedächtnis-Training. Zudem ist er Organisator der offenen Gedächtnismeisterschaften, die gestern im Holiday Inn in Weilimdorf stattgefunden haben. Selbst aus England und Österreich reisten die Wettkämpfer an. Monatelang haben die 20 Startenden trainiert, um im Wettbewerb die Reihenfolge von Pokerkarten blitzschnell aufzunehmen und wiederzugeben oder sich lange Zahlenreihen einzuprägen. Die Regeln im Wettkampf sind streng: Macht man in der langen Reihe von hundert Zahlen einen Fehler, zählen nur die bis dahin gemerkten Ziffern als richtig. Schleicht sich in der Kartenabfolge der Pokerkarten ein Fehler ein, vergibt die Jury die halbe Punktzahl. Zwei Fehler lassen die Punktzahl auf Null sinken.

"Das meiste ist Handwerk", erklärt Physik-Student Konrad. Jeder, der sich die richtige Technik aneigne, könne schon bald echte Erfolge erreichen. "Man muss kein Zahlengenie sein, um sein Gedächtnis zu trainieren." Konrad stieß im Internet auf MemoryXL. "Ich war kurz vor dem Abitur und wollte meine Lerntechnik verbessern", erzählt er. Konrad blieb dabei und hält inzwischen den Weltrekord im Wörter memorieren. Er darf sich sogar Gedächtnisgroßmeister nennen.

Die Technik, Zahlen und Gegenstände miteinander zu verknüpfen – wie die 05 mit der Lee-Jeans – ist für einen Gedächtnissportler nur der erste Schritt. Die Reihenfolge von Zahlen prägt er sich ein, indem er sich auf einen imaginären Spaziergang zum Beispiel von seiner Haustüre zur Tür des besten Freundes begibt. "Was sich dort am Wegesrand findet, merkt man sich in der richtigen Reihenfolge", erläutert Konrad. Taucht die 05 im Wettkampf auf, denkt sich Konrad blitzschnell eine Geschichte aus, warum die Lee-Jeans am Gartenzaun seiner Eltern auftauchen könnte. Folgt im Wettbewerb die 24, legt Konrad die Narrenkappe in Gedanken am Kiosk ab, der neben dem Garten steht.

"Gedächtnissport ist viel kreativer als zum Beispiel Schach", sagt Ben Pridmore. Der Engländer führt die Weltrangliste der Gedächtnissportler an. Beim Schach sei schon längst festgelegt, welche Wege die Figuren gehen könnten, im Gedächtnissport baue jeder sein eigenes System: "Es geht wirklich um Kreativität." Der Engländer gehört zu den großen Alten des Wettbewerbs. 2000 stieß er auf den Mentalsport, 2002 beschloss Pridmore, Gedächtnisweltmeister zu werden, 2004 hatte er es geschafft. Warum es ihm gelang, und anderen nicht? "Man muss die richtige Art von Gehirn haben", sagt der 30-Jährige. "Aber ich bin lange nicht mehr so gut, wie ich mal war." An Wettkämpfen nimmt er immer noch teil, nicht nur aus Ehrgeiz: "Man trifft nette Menschen, das sind ganz besondere Charaktere."

An diesem Abend entscheidet Gedächtnisweltmeister Clemens Mayer den Wettkampf für sich. "Es war knapp, sehr knapp", sagt der 21-jährige Jura-Student aus München im Rückblick. Erst die Königsdisziplin brachte ihm den sicheren Sieg: er merkte sich die Reihenfolge von 52 Pokerkarten, und das in gerademal 49,8 Sekunden. Der aktuelle Weltrekord liegt bei 31,0 Sekunden.

Von Katrin Zöfel / Stuttgarter Zeitung vom 06.11.2006

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